Tyrannei der Drachen

Grünnest in Flammen

Grünnest brannte. Der Ball der untergehenden Sonne wurde durch aufsteigende Rauchwolken aus dem Dorf teilweise verdeckt und tauchte sie Szenerie in ein unheimliches rotes Licht. In Rorgans Augen standen Tränen, als sich die Szenerie vor ihm mit jenen aus seiner Erinnerung vermischte. Zwerge rannten schreiend durch die von Rauch erfüllten Straßen. Von allen Seiten war Kampfeslärm zu hören, der sogar das laute Prasseln der Flammen übertönte. Irgendwo in diesem Inferno waren seine Frau und seine Tochter verborgen – und der riesige Behir, den die Angreifer aus seinem Nest in den Kavernen unter der Stadt getrieben hatten…
„Seht, da läuft eine Frau! Und sie wird von Kobolden verfolgt!“, riss ihn Mecretias Stimme aus seinen Erinnerungen. Was blieb war der Anblick der immer noch brennenden Gebäude von Grünnest und das Abbild einer Familie vor den Flammen, die versuchte vor ihren Angreifern zu flüchten.

Rorgan fasste seinen Streithammer fester. Er war nicht durch halb Faerun gereist, nur um noch einmal zu sehen, wie Unschuldige vor seinen Augen abgeschlachtet wurden. Ohne lange zu zögern lief er los. Langsam zuerst, behindert durch die schwere Rüstung, doch dann durch den Schwung immer schneller werdend. Die Tieflingsfrau Mecretia blieb dabei an seiner Seite. Von den anderen beiden Mitreisenden war jedoch keine Spur zu sehen. Doch da: Aus den Augenwinkeln nahm Rorgan war, wie der zwielichtige Mensch die verklärte Gnomin sich in eine nahe Baumreihe verdrückten. Da sah man es wieder. Weder auf die kurzlebigen Menschen noch auf die verrückten Gnome war Verlass.

Mit wildem Gebrüll stieß er in die Reihen der Kobolde, welche von zwei maskierten Drachenkultisten begleitet wurden. Warum waren es immer fanatische Kultisten, welche das Unheil über andere hereinbrachten? Schläge wurden ausgeteilt und eingesteckt. Die Frau der Familie, die sie retten wollten, erwies sich dabei als außerordentlich Kampffertig und schaffte es problemlos mehrere der Gegner in Schach zu halten, während sich ihr Mann mit den beiden Kindern hinter ihr versteckte. Ein Prachtweib, zu schade, dass sie keinen Bart hatte. Was die zu rettende Frau aus Grünnest an Kampffähigkeiten mitbrachte, das ließ Mecretia missen. Rasch wurde sie von den Kobolden überrumpelt und ging zu Boden. „War schön, dich gekannt zu haben“, dachte Rorgan noch bei sich, als aus einer nahen Hecke Liu, der eigenartige Mönch hervorgeschossen kam und mit einem aberwitzigen Fußkick den Schädel von einem Kobold beförderte. Ein weiterer wurde durch den gut gezielten Schuss von Ellywick aus der materiellen Ebene befördert. Vielleicht war auf die beiden doch mehr Verlass!

Gemeinsam schafften sie es relativ schnell alle Angreifer auszuschalten und Rorgan hatte Zeit sich um Mecretia zu kümmern. Ein rascher Blick zeigte ihm, dass er hier mit einfachen Bandagen und Kräutern nicht weit kommen würde und so schloss er die schwerwiegendsten Wunden mit der Kraft, die Helm ihm verliehen hatte, womit er die Tieflingsfrau wieder auf die Beine brachten. Inzwischen hatte sich die tapfere Dorfbewohnerin als Linan und ihren Mann als Kut vor. Gemeinsam mit ihnen eilte die kleine Gruppe ins Zentrum von Grünnest, wo sich der Bergfried befand, in den sich bereits die restliche Bevölkerung zurückgezogen hatte. Unterwegs musste sich Rorgan noch Vorwürfe von Ellywick anhören: „Das nächste Mal nicht einfach drauflos stürmen, sondern vorher nachdenken!“ Doch Rorgan musterte die kleine Gnomin nur abfällig: „Habt Ihr je in einer Armee gedient? Nein? In einer Miliz? Auch nicht. Dann seid still…“

Das Tor zum Bergfried war noch offen, wurde aber bereits von Kultisten angegriffen und nur knapp gelang es der Gruppe noch in das Innere zu schlüpfen bevor das Tor verschlossen und verrammelt wurde. Erstaunte Gesichter betrachteten sie und ein Mann in edlen Gewändern und fliehender Stirn kam auf sie zu, nachdem er kurz einige Worte mit Linan gewechselt hatte: „Abenteurer, euch haben die Götter geschickt!“, begann er. Rorgan schüttelte den Kopf und erwiderte trocken: „Nein, nur einer: Helm.“

Etwas irritiert sprach der Mann weiter: „Mein Name ist Tarbaw Nachthügel, ich bin der Bürgermeister von Grünnest. Und ich kann euch gar nicht genug dafür danken, dass ihr euch ohne zu zögern für die Bewohner des Dorfes in den Kampf geworfen habt. Dabei wissen wir noch nicht einmal, was diese Kultisten von unserem Dorf wollen könnten. Sicherlich: Grünnest ist dank seiner Lage nicht ganz arm, aber warum sie uns deswegen mit einem ausgewachsenen Drachen angreifen sollten…“

„Sagtet ihr Drache?“, entfuhr es Ellywick, woraufhin der Bürgermeister nickte und Rorgan ein „Keiner von uns wird diese Nacht überstehen“, in seinen Bart murmelte.

„Aber er verhält sich eigenartig und sehr zurückhaltend“, fügte Tarbaw noch hinzu. „Ich weiß, es ist viel von euch verlangt und außer einigen Heiltränken um eure Wunden zu versorgen kann ich euch nur wenig anbieten, aber könntet ihr mir und dem Dorf einen weiteren Gefallen tun? Weitere Bewohner haben es nicht in den Turm geschafft und sich in den Tempel der Chauntea zurückgezogen, der sich am östlichen Ende des Dorfes befindet.“
Ohne lange nachzudenken nickten alle vier und unter der Führung des Kastellans Escobert dem Roten – einem, in Rorgans Augen, äußerst vertrauenserweckenden und kompetenten Zwerg – betraten sie einen Geheimgang, der unterirdisch aus der Burg bis zum Fluss im Süden des Dorfes führte. Dank der schlechten menschlichen Augen von Liu mussten sie eine Fackel anzünden – wie schwach sie doch waren, diese Menschen…

Kurz vor dem Ausgang des Geheimganges stießen sie noch auf eine ganze Horde von Ratten. Kurz bat Ellywick die anderen zu warten und sprach die doch recht aggressiv wirkenden Ratten in ihrer Sprache an um mit ihnen um eine freie Passage zu verhandeln. Doch das gelang nicht so ganz, weshalb kurz darauf hunderte tote Ratten den Boden des Geheimgangs bedeckten.

Rorgan brach das alte, verrostete Gittertor auf und dann huschte die Gruppe, geschützt durch Illusionsmagie der Gnomin, am Flussufer entlang, an einer Patrouille des Kultes vorbei, in Richtung der Kirche. Hier allerdings stauten sich die Probleme. Wie eine kure Erkundung durch Ellywick ergab, gab es gleich drei Gruppen von Kultisten und Kobolden, welche die Kirche belagerten. Eine versuchte den Vordereingang mit einem Rammbock zu öffnen, eine weitere den Hintereingang auzuräuchern und eine dritte kreiste rastlos aber ohne Hektik um das Gebäude – die letzte Gruppe hatte auch zwei drachenartige Haustiere bei sich. Nichts womit sich die Gruppe anlegen wollte.

So wurde kurzerhand der Trupp an der Hintertür im Schutz des Rauches angegriffen. Wieder floss viel Blut auf beiden Seiten, nur damit die vier Abenteurer am Ende des Kampfes feststellen mussten, dass die Tür von innen verriegelt war. Alles Gute einreden auf die dahinter eingeschlossenen Bewohner half nichts; auch nicht als Rorgan drohte „Macht die Tür auf, oder wir räuchern euch dummes Pack aus“. Kurzerhand sprang daher Liu akkrobatisch durch das hoch gelegene, geschlossene Buntglasfenster, marschierte an den geschockten Bewohnern vorbei und öffnete die Tür. Rasch wurden von den drei anderen die Leichen des Trupps nach innen geschliffen und die Tür wieder verschlossen.

„Wer seid ihr?“, drängte sich ein hochnäsig aussehender Halbelf nach vorne. Nachdem sich die Abenteurer als Retter von Grünnest vorgestellt hatten, stelle auch er sich als Etion Falkenmond, oberster Priester des Tempels vor. Nachdem diese Förmlichkeiten geregelt worden waren, nutzte man die sich nächste bietende Gelegenheit und floh als Gruppe hinab zum Fluss und dann weiter über den Geheimgang zurück in die Burg.
Kaum zurück im kleinen Hof des Bergfrieds musste Rorgan seine Meinung bezüglich der großartigen Verteidigung, geplant und koordiniert durch den zwergischen Castellan, wieder revidieren. Die Kultisten hatten es irgendwie geschafft eine kleine Ausfalltür aufzubrechen und standen nun mitten im Burghof. Nur unter großen Verlusten gelang es den Verteidigern, angeführt von den vier Abenteurern, die Kultisten und ihre Drachenhaustiere wieder aus dem Hof zu jagen.

Doch noch immer war die Nacht nicht vorbei – eine Nacht, von der Rorgan immer mehr annahm, dass sie keiner von ihnen überleben würde. Die Nacht ähnelte einfach viel zu sehr ebenjener Nacht, in der Tahl in Flammen aufgegangen war. Und auch damals hatte fast niemand überlebt. Als dann auch noch der blaue Drache zu einem Angriff auf die Burg ansetzte war klar, dass das Ende gekommen war. Drachen, Behire, gegen beide hatten nur die legendären Helden aus den alten Geschichten eine Chance – aber keine zufällig zusammengewürfelte Gruppe an Reisenden. Blitze speiend und ganze Reihen von Verteidigern des Dorfes fällend, fräste sich der Drache daher auch durch die Überlebenden auf den Zinnen.

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Doch Rorgan wäre kein Zwerg, wenn er trotz der Aussicht bald zu sterben, nicht trotzdem gekämpft hätte. Und auch seine Kameraden hatten stures Zwergenblut in sich und ließen sich nicht unterkriegen. Mit Magie, den riesigen Bolzen der Dachbaliste und Pfeilen setzten sie dem Drachen zu, bis dieser schließlich genug zu haben schien und beleidig abzog. Überrascht von der plötzlichen Wende sahen sie dem verschwindenden Untier hinterher, welches in Richtung der aufgehenden Sonne verschwand. Gab es vielleicht doch noch eine Chance diese Nacht zu überleben?

Comments

Erster!!!!!1

Schöner Eintrag, ich war so frei und hab ein Bild hinzugefügt.

Grünnest in Flammen
 

Zweiter!!

Grünnest in Flammen
Brotos

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